Jeanne: Was konntest du bei der Performance erleben?
G: Ich glaube ich habe eine Performance erlebt, die mit ziemlich klaren, einfachen und wenigen Mitteln einen Zeitraum erschaffen hat, der sich ein bisschen wie magisch anfühlt. Ich habe mich so gefühlt: Jetzt bin ich in einem Raum und einem Moment, da gelten bestimmte Gesetze vielleicht nicht. Oder so eine Erscheinungshaftigkeit, dass dieser Ort in diesem Zeitraum ein bisschen verwandelt war.

J: Und was war deine Reaktion gewesen in diesem Zeitraum?
G: Auch wenn es ein bisschen cheesy klingt: Begeisterung. Das was ich mit Verwandlung meine, ist so toll wie ein Zaubertrick und es ist etwas, das im Theater oft versucht oder behauptet wird und meistens nicht klappt, manchmal mit sehr viel Tamtam versucht wird und nicht klappt. Und da war das fast so ein Erlebnis wie: Wow, das klappt ja doch. Dieser eine Performer oder Sänger hat es irgendwie geschafft, diese Verwandlung zu machen.

J: Kannst du die Verwandlung noch genauer beschreiben?
G: Ich glaube entscheidend dafür war für mich, dass das nicht so eine Illusion war, wo ich in eine fremde Welt hineingucke, die mir gezeigt wird und ich soll so tun als wäre das echt. Die Erscheinung, die da war, war eine Illusion und hat uns dabei auch ganz nüchtern angeguckt und gezeigt: Ich bin wirklich da, mit euch in einem Raum und so weiter. Das Gefühl, das mich so begeistert hat, war: da passiert gerade etwas, das kann ich nicht wirklich einordnen. Vom Gefühl, aber auch vom Kopf her. Es ist eine Kombination von ein paar Sachen und ich sehe sie alle in ihren Bestandteilen, aber trotzdem entsteht daraus etwas, das ich nicht mehr einordnen kann. Das habe ich sehr genossen.

J: Wieso war das nicht einzuordnen? War es merkwürdig?
G: Das war auf jeden Fall merkwürdig. Wenige Dingen, die ich alle klar sehen kann, womit aber etwas entsteht, das darüber hinausgeht, so dass ich nicht mehr verstehe, was da passiert. Da ist eine Figur, eine singende Person, wo ich auf der Bauchebene nicht verstehe, was mit der los ist. Bisschen unheimlich und gleichzeitig krass faszinierend. Ein sehr charmanter Auftritt irgendwie.

J: Ist Begeisterung eigentlich ein positives Gefühl, oder was ist es für dich?
G: Also Begeisterung ist das Resultat aus dieser Verwandlung. Begeisterung ist kein Gefühl für mich. Es hat mich begeistert, dass sich eine Person in eine Industriehalle stellt und singt und es fühlt sich so entrückt an – dass das geht, dass das nicht einfach nur ein Mensch in einer Halle ist, der singt. Sondern irgendwie stand da etwas, das sich nicht so ganz benennen lässt. Und an diesem Punkt hat es etwas Unheimliches. Es war eine Begegnung der dritten Art. Als würde ich im Wald spazieren und plötzlich steht da ein Wolf und guckt mich an und dann geht der auch wieder weg und es ist nichts passiert. Das ist gar nicht spektakulär per se, aber trotzdem ist es eine Begegnung, die einen anders mitreißt. Aber die Begeisterung ist erst das Resultat davon.

J: Ist dieses Entrückt-sein auch irgendwie überfordernd?
G: Nein, überfordernd war es nicht. Es war dann doch auch eine sanfte Performance, die einen so einlädt. Die mich nicht mit so einer Keule überwältigen will, mit Musik, die drastisch und laut ist, oder ganz viel Chaos oder was weiß ich. Ich mag es nicht, wenn Aufführungen mich emotional manipulieren. Es war dann doch sehr zart in dem, was es war. Vielleicht muss es ein Hase sein und kein Wolf. Wenn ich das Beispiel mit dem Wald und dem Tier mache, müsste es ein harmloseres Tier sein als ein Wolf, weil das Interessante ist nicht die Gefahr gewesen, sondern eher ein Hase mit blauem Fell. Und vielleicht war das Licht gerade auch nur so und dann ist das blaue Fell auch schon wieder weg und irgendwie habe ich den eben kurz so gesehen, als wäre er blau. Und natürlich weiß ich: Hasen sind nicht blau. Es war irgendwie die Dämmerung. Aber kurz ist es ein Erscheinungsmoment.

J: Wie ich Illusion verstehe, gibt es da auch einen Wunsch, dass da etwas Unvorstellbares passiert und das ist meine Begeisterung oder das Begehren darin. Ist das bei dir so gewesen?
G: Ich glaube das ist so für mich gewesen, es ist fast so, als würde da eine Person über dem Boden schweben und man ist geflasht davon, aber da ist gar keine Person über dem Boden geschwebt. Da war eine Person, die auf dem Boden steht und trotzdem hat es sich so unerklärlich angefühlt.

J: Und wolltest du an Stelle der Person gewesen sein? Als wärst du so magisch?
G: Nein, das war eher eine fremdartige Erscheinung, die nicht dazu eingeladen hat, sich zu identifizieren. Ich habe mich eher gefragt: Ist das ein menschliches Wesen, das ich da gerade sehe?

J: Und was begeistert dich daran, dass das möglich ist?
G: Ich glaube der Wunsch ist, dass es mit diesen wenigen Mitteln möglich ist.

J: Welche Mittel waren für dich tragend für dieses Erlebnis?
G: Es war mittags, wenn die Stimmung, die man mitbringt, sehr nüchtern ist. Da ist es eigentlich unwahrscheinlich, solch einen Zustand zu erzeugen. Das Kostüm hat gut funktioniert, aber ich glaube entscheidender war, wie die Musik, die eingespielt wurde, den Raum ausgefüllt hat.

J: Und welche Rolle hat die Verbindung des Performers und der Musik dann gespielt?
G: Es war manchmal so, dass man nicht wusste, ob es in der Musik einen plötzlichen Wechsel gibt, und der Performer ist dem ausgeliefert und muss mitgehen, oder ob es andersrum gewesen ist. Hat die Person Macht über die Musik, die einfach zu verändern? Diese Erscheinung sah zugleich machtvoll und doch auch ausgeliefert aus. Das hatte mit dem Zusammenspiel zwischen Live-singen und eingespielter Musik zu tun.

J: War das Verhältnis zwischen Performer und Publikum ähnlich wie bezüglich der Musik?
G: Ein bisschen schon, weil ich so ein unheimliches Gefühl hatte, dass mir diese Figur nicht zu nah kommen sollte. Oder ich zumindest nicht wusste, wie sich das anfühlen würde. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass nicht so ganz klar war, wer eigentlich mehr Angst vor wem hat. Wobei Angst nicht das richtige Wort ist, weil es zu negativ klingt. Vielleicht ist Scheu das richtigere Wort.

J: Gibt es einen Unterschied zwischen Begeisterung und Unterhaltung?
G: Auf jeden Fall. Unterhaltung ist für mich viel netter und folgenloser.

J: Welche Folgen hatte die Performance?
G: Langfristig natürlich keine. Im Rückblick habe ich mich unterhalten gefühlt, durch dieses Erlebnis. Aber Unterhaltung wäre vielleicht eher, eine Doku über Wölfe zu gucken, anstatt im Wald einem Wolf zu begegnen.

J: Meinst du damit, dass es auch ein Risiko gibt im Wald, anstatt bei der Tierdoku?
G: Ich bin mir unsicher, weil mir normalerweise ein bestimmtes Risiko einfach wirklich Angst macht. Also so eine Nähe zu einem starken Kontrollverlust finde ich nicht anziehend. Sowas wie zum Beispiel, wenn Menschen LSD nehmen und Halluzinationen genießen können dabei. Diese Nähe zu so einem Risiko ist etwas, das mir überhaupt nicht entspricht. Und das heißt umgekehrt vielleicht, dass es harmlos genug war, um es genießen und zulassen zu können.

J: Und gab es ein Risiko für den Performer?
G: Ich glaube voll, weil er insgesamt einen Auftritt hingelegt hat, der auch permanent der Lächerlichkeit ausgesetzt war. Dieses Keuchen der Person zum Beispiel, oder auch so Bewegungen, die man auch einfach komisch oder übertrieben finden kann, das kann man auch als etwas abwehren, das man doof findet. Und gerade weil es nur ein Performer in so einer großen Halle war, hatte ich das Gefühl, es gibt da schon eine krasse Form sich zu exponieren, die nicht viel Sicherheitsnetz hatte. Die glaube ich auch krass floppen kann. Wo man auch hätte denken können: Da versucht jemand etwas mit sehr viel Eifer und es ist dann mickrig oder so. Vielleicht haben das auch andere so wahrgenommen.

J: Und hast du selbst etwas vermisst?
G: Ich habe mit dem Text wenig erlebt. Ich habe mit der Musik, der Art der Figur viel erlebt, aber der Text hat eher kaum eine Rolle gespielt und ich kann mir vorstellen, dass auch auf der Textebene etwas mehr passieren hätte können.

J: Hat sich dein Erlebnis mit dem Text sehr unterschieden zu dem Rest der Performance?
G: Ich weiß nicht mehr, ob alle Texte auf Englisch waren oder nur viele, aber dass es auf Englisch gesungen war, hatte für mich zum Teil die Gefahr, in etwas Prätentiöses zu rutschen. Wo man jetzt eine Fremdsprache benutzt, die eine größere Legitimation als Kunst vortäuscht, weil es international wirkt.

J: Ist diese Schwierigkeit mit englischer Sprache bei der Performance wie deine Schwierigkeit, wenn die Performance ein aufwändiges Bühnenbild gehabt hätte?
G: Ich glaube noch anders. Ich glaube meine gewisse Ablehnung dabei ist noch simpler. Dass manchmal im Kunstbereich Dinge auf Englisch sind und der Grund, den es dafür zu geben scheint, ist nur, dass das eine Weltläufigkeit simuliert, so als könnte dieses Stück übermorgen nach New York fliegen, das finde ich noch billiger als ein opulentes Bühnenbild.

J: Hat deine Begeisterung deinen Erwartungen entsprochen, die du mitgebracht hast, als du in die Performance gegangen bist?
G: Ich habe mich auf die Performance gefreut, als ich dort reingegangen bin. Ich habe das gelesen und fand es cool, dass es um eine Stimmung um die Mittagszeit geht und ich habe vermutet, dass es mir gefallen würde.

J: Wie häufig willst du so etwas wie das im Theater erleben?
G: Es ist nicht so, dass ich das will und wenn etwas anderes passiert, bin ich enttäuscht. Also natürlich möchte ich begeistert sein, aber diese Verwandlung ist für mich nicht zentral.