Jeanne: Kannst du zu Beginn erzählen, was du bei dem Walk erlebt hast?
F: Ich habe angefangen zu träumen und meine Gedanken laufen zu lassen – fast so, als würde ich reisen, in der Zeit und in/um die Welt reisen. Und dann habe ich mir vorgestellt, wie das alles aussehen könnte. Walter, der Opernsänger, hat ein paar Lieder gesungen, die ich auch als kleines Mädchen gehört habe. Die mich auch selbst zurückgebracht haben in meine Erinnerungen in Spanien und in meine Kindheit. Und danach, als wir am Friedhof angekommen sind, habe ich mich irgendwie die ganze Zeit jemandem sehr nahe gefühlt, den ich verloren habe vor langer Zeit. Und ich musste die ganze Zeit an diese Person denken. Als würde ich mit ihr reden, mit ihr singen, für sie singen. Das war schön. In diesem Denkmal, wo man diese Akustik so sehr stark hören konnte, und das Angebot kam, selbst in diesem Raum zu singen, da habe ich mich gefragt, „was kann ich singen?“ In Gedanken war ich bei meinem Neffen am Hauptfriedhof. Ganz nah bei diesem Denkmal. Das war sehr schön, als würde ich zu meinem Neffen singen. Es war sehr emotional und auch jetzt, als wir hier hingegangen sind, wo wir jetzt sitzen, habe ich gedacht: „Hä, wir sind auf dem Weg zu meiner alten Schule!“ Und dass zum Beispiel dieser Ort hier für den letzten Performer so aussieht wie ein Ort in Südafrika, das ist irgendwie sehr schön, weil ich befreundet bin mit ihm und es ist sehr schön zu sehen, dass eine Erinnerung von ihm und mir am selben Ort ist. Und ich kann diesen Ort jetzt noch gehaltreicher sehen. Dann fühle ich mich hier wie in Südafrika, obwohl ich nicht da gewesen bin, aber ich wollte schon immer nach Südafrika und jetzt bin ich auf einmal dort, weil er mich hierhergebracht hat.

J: Und wenn du die Gefühle, die du bei dem Walk gespürt hast, auf ein Wort bringen müsstest, welches wäre das?
F: Es hat sich irgendwie nach Zuhause angefühlt. Ich denke an ein Wort wie „Wärme“, obwohl es heute kalt war. Es hat mich an meine Kindheit erinnert. An den Orten, wo ich in dem Walk war, war ich auch als Kind und das hat mich zu damals zurückgebracht. "Ah damals war ich hier und damals haben wir hier mit meiner Mama eine Arbeit an diesem Ort gesucht, oder Ah ja, hier bin ich zur Schule gegangen und Ah ja, hier haben wir ein Eis gegessen." Es war warm und wie Zuhause.

J: Ist diese Wärme oder dieses Gefühl von Zuhause etwas wie Geborgenheit?
F: Ja genau!

J: War eine bestimmte Sache besonders an diesem Walk, die diese Geborgenheit bei dir ausgelöst hat?
F: Ich glaube am Hauptfriedhof zu sein. Und mich an nahestehende Personen, wie meinen Neffen und meine Oma, zu erinnern. Das hat mich geborgen fühlen lassen.

J: Und wie ist das entstanden glaubst du? Allein weil du auf dem Friedhof warst oder auch durch etwas von dem Gesagten, den aufgehängten Bildern, den Gesprächen mit den anderen auf dem Walk?
F: Durch die Erzählungen ist das entstanden. Zum Beispiel der erste Teil, wo wir gelaufen sind und es von den Erinnerungen an das Dorf von diesem Mann handelte. Das war so, als würde ich gleichzeitig auch im Dorf meiner Oma herumlaufen. Wir haben nicht die gleichen Pflanzen, aber es hat sich so angefühlt. Diese Feuchtigkeit, die gibt es in der Karibik auch und es war so, als würde ich dort herumlaufen. Dadurch habe ich mich an sie erinnert. Ich habe sowohl sehen können, dass ich sozusagen in Afrika war, als auch fühlen können, dass ich zugleich auch in der Karibik war. Aber dann habe ich gesehen: "Ah, wir sind aber in Deutschland". Also die Erzählungen. Zum Beispiel als die Frau von dem Haus erzählt hat, das neu gebaut wurde, da habe ich mir das Haus vorstellen können, obwohl es nur ein grüner Platz war. Da habe ich gedacht: „Ok, da ist der Platz und da ist das Fenster vom Haus.“ – und das hat sich auch wie Zuhause angefühlt. Das waren so intime Sachen, das hat auch etwas Intimes bei mir ausgelöst. Ich habe fast mitgefühlt, als wäre es meine eigene Geschichte gewesen. Als hätte ich das erlebt.

J: Und wie hat sich das angefühlt, dass du auf diesen verschiedenen Ebenen warst?
Die verschiedenen Zeiten, die verschiedenen Orte von dir und von den anderen und diese Ebenen auch noch zu verbinden?
F: Ich mag es an sich zu träumen. Also ich bin sehr träumerisch. Und es war aufwühlend, aber irgendwie im guten Sinn. Es waren schöne Erinnerungen, obwohl es ein trauriger Ort war. Auch zum Beispiel die Geschichte von der Person, die von ihrem Opa erzählt. Das war traurig, dass sie mit ihrem Opa spricht, der nicht mehr da ist, aber es war auch so, als würde ich mit meinem Opa oder meiner Oma sein. Als würde sie da sein und da sitzen. Und ich habe mir ihren Opa da sitzend vorgestellt, aber ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Ich weiß nicht genau, wieso es so stark für mich war. Zum Beispiel ist meine Oma vor zwei Jahren gestorben und vielleicht habe ich mich nicht so viel damit auseinandergesetzt. Weil sie war so weit weg, ich konnte kaum trauern. Es war schwierig am Anfang. Und ich setze mich nicht oft damit auseinander, aber es war trotzdem sehr schön, mich an sie erinnern zu können, ohne traurig zu sein. Das hat sich wie geborgen angefühlt. Weil ich muss nicht traurig sein. Ich kann mich an sie erinnern, an einem schönen Ort. Ich weiß nicht, wie ich das erklären kann.

J: Gab es etwas heute bei dem Walk, das nicht in dieses Gefühl der Geborgenheit oder das Träumen gepasst hat, sondern ganz anders war?
F: Es hat mich den ganzen Tag träumen lassen, also gab es nichts, das mich rausgebracht hat aus dem Gefühl.

J: Wenn du dir vorstellst, der Walk hätte auch ganz anders sein können. Wie hätte er sein können, so dass du nicht geträumt hättest oder dich nicht geborgen gefühlt hättest?
F: Es wurde uns zwar einiges erzählt, aber wir hatten auch viel Zeit, um nachzudenken. Wenn wir mehr in der Gruppe gemacht hätten, das hätte diese Träume zerplatzen lassen. Also es war schön, so viel Zeit für mich zu haben. Ich bin in einer Gruppe gelaufen, aber ich war in mir selbst unterwegs.

J: Hättest du dir gewünscht, noch mehr alleine zu sein? Oder gab es andere Dinge während des Walks, die du dir noch gewünscht hättest?
F: Also zum Beispiel wäre es schön gewesen, wenn wir in diesem Denkmal noch länger geblieben wären. Um noch mehr diese Akustik auszuprobieren. Musik macht mich, als Sängerin, sehr glücklich, und dieses Ausprobieren mit den ganzen Geräuschen. Es war so ein stiller Ort und man konnte jedes Geräusch hören, da wollte ich eigentlich einfach still sein und still bleiben, nichts sagen, kaum atmen. Obwohl der Friedhof in der Innenstadt ist, war das ein ruhiger Ort.

J: Wie könnte der Walk deine Reaktion noch verstärken?
F: Ich glaube momentan fällt mir nichts ein. Stärker gehts nicht.

J: Glaubst du, es haben alle Teilnehmenden so stark empfunden?
F: Ich glaube andere haben das anders empfunden. Vielleicht, weil sie auch andere Gedanken hatten, wie: "Ich muss jetzt gleich gehen", oder was auch immer. Ich glaube die hatten dann sozusagen eher das Ziel vor Augen.

J: Und hat die Länge von 4 Stunden Audiowalk das Träumen und die Geborgenheit gefördert?
F: Ich fand es schön, es war lang, aber ich habe mich darauf eingestellt. Es war aber gut, dass wir länger an einem gleichen Ort waren und nicht zu viel herumgefahren sind.

J: Was hattest du eigentlich erwartet?
F: Am Anfang war ich unvoreingenommen. Ich wusste ungefähr, wie es ablaufen wird und wie lange es dauert, aber wohin es ging, wusste ich nicht. Und ich habe mich einfach darauf eingelassen, was passiert. Deswegen hat es mich positiv überrascht.